Low-Tech

Mir geht es hier um einen Gegenentwurf zu einer zum Selbstzweck gewordenen Technik. Sie treibt uns Menschen als entmündigte Maschinenbediener*innen vor sich her. Entmündigt sind wir, weil wir nicht mehr verstehen können, wie die Dinge funktionieren, uns nicht mehr selbst helfen können, wenn die Technik hakt – und das Haken ist Programm im Kapitalismus. Wir sind zu Anwender*innen verdammt und verlieren wichtige Fertigkeiten für ein selbstbestimmtes, gutes Leben. Wir drohen zu Spezialisten, Fachidioten, zu regelrechten Konsumopfern zu degradieren.

Dabei brauchen wird gerade in Zeiten von komplexen ökologischen und sozialen Herausforderungen den Blick für’s Ganze, die Bodenhaftung, den Bezug zu unserer eigenen Versorgung und Umwelt. Denn bei jedem von uns fängt es im Kleinen an. Unser aller Lebenstil macht das Ganze aus.

Ich suche nach einer Technik für ein gutes Leben, die an den Bedürfnissen der Menschen
ausgerichtet ist und nicht am Profit. Ich bin der Überzeugung, dass die Technikentwicklung
nahe am Leben der Menschen passieren sollte und entsprechend die Orte des Tüftelns und Erfindens wieder in das Leben zurückgeholt werden müssen, Lernorte für den Austausch frei zugänglichen Wissens, verständlicher Technologie und Kreativität entstehen sollten. Dieses Technikverständnis beschreibe ich mit dem Begriff Low-Tech.

Ich versuche eine Art Kanon zu erarbeiten, der Low-Tech umreißt. Diese Beschreibung soll wiederum kein Selbstzweck sein, sondern eine Hilfestellung bieten lebensdienliche, angepasste, konviviale Technik zu entwickeln.

Low-Tech

  1. menschliches Maß in Bezug auf Größe, Komplexität und Kosten
  2. funktional, minimalistisch, auf die Kernfunktion reduziert
  3. robust und langlebig (Ausnahme: Recyclingmaterialien und C2C)
  4. einfach aufgebaut in Bezug auf Kenntnisse, Werkzeuge, Materialien
    • nachbaubar
    • reparierbar
    • demontier- und recyclebar
    • umbau- und anpassbar an veränderte Nutzungszwecke

Diese Prämissen bedingen sich gegenseitig. Sie führen zu einem modularen Aufbau der Objekte. Dieser modulare, übersichtliche und simple Aufbau erleichtert Selbstbau, Reparatur und Recycling. Er ermöglicht auch den Austausch defekter, irreparabler Komponenten.

Bei Low-Tech-Konstruktionen bleiben die einzelnen Module im Gesamtkomplex sichtbar. Jedes Element hat seinen Platz und seine Bedeutung. Man könnte fast von einer Art Wertschätzung der einzelnen Module/ Elemente an sich sprechen.

Das Gegenteil wäre z.B. ein Smartfone, das man ausschließlich als dieses wahrnimmt. Die Einzelteile des Smartphones sind nicht mehr zu erkennen und es besteht keine Chance die Wirkungsweise des Gerätes zu verstehen. Dieses Technik-Verständnis hat seine Chancen und Vorteile, birgt aber auch Risiken.

Ein gutes Gegensatzpaar ist ein Oldtimer-Motorrad und eine Rennmaschine. Mensch könnte dieses Gegensatzpaar mit der Metapher „Blumenstrauß versus Black Box“ betiteln. Der Blumenstrauß hat seinen Wert als Gesamtkomposition. Dennoch sind die einzelnen (funktionalen) Bestandteile, die Kräuter und Gräser, erkennbar.

Das Verständnis der Wirkungsweise ist für die Anwendung bei Low-Tech in einem höheren Maße notwendig, als bei „moderner Sorglos-Komfort-Technik“. Ein Weniger an technischer Funktion muss mit einem Mehr an menschlichen Eingriffen kompensiert werden. So können technische Objekte schlank gehalten und auf die wesentliche Kernfunktion reduziert werden. Dies ermöglicht eine hohe Reparierbarkeit und damit eine lange Lebensdauer der Produkte. Zudem werden durch das Funktionsverständnis der Nutzer*innen Falschanwendungen minimiert. Das Verstehen der Funktion und der Zusammenhänge ist notwendige Bedingung für einen bewussten Umgang mit Technik.

Ein Beispiel:

Low-Tech ist prädestiniert zum Selbermachen. Das Selbermachen von Dingen des täglichen Gebrauchs kann Zusammenhänge aufzeigen, den Horizont erweitern und Problembewusstsein schaffen. Es schafft Bezug und Wertschätzung, neue Einblicke und ermöglicht ein ganzheitliches Verständnis der Dinge. Selbermachen ist selbstbestätigend. Es fördert Generalisten statt immer weiter zu spezialisieren und zu verkopfen. Aufgrund hoher Kompetenz, Verantwortung und Arbeitstiefe, verglichen mit industrieller Arbeit, kann Selbermachen „gute Arbeit“ sein. So ist Low-Tech das Slowfood der Technik. Entsprechend ist auch hier der Weg ein Ziel. Ein prinzipiell höherer Zeitaufwand für den Herstellungsprozess ist im Idealfall sinnstiftende Beschäftigung und Tätigkeit, sodass er nicht wirklich ins Gewicht fallen muss. (Frei-) Zeit wird dadurch weniger konsumorientiert.

Freie Verfügbarkeit von Ideen und Bauplänen fördert das Selbermachen. Die prinzipiell leichte Dokumentierbarkeit von Low-Tech schafft gute Vorraussetzungen dafür.

Low-Tech ist, meiner Meinung nach, eine zentrale Technologie, Selbermachen eine entscheidende Kompetenz in einer resilienten, autarken Postwachstumsökonomie und Subsistenzwirtschaft.

Low-Tech stellt für sich allein keine Lösung unserer sozialen und ökologischen Probleme dar. Jede Technologie und Wirtschaftsweise kann Ressourcen verschlingen, Selbstzweck werden, Mensch und Umwelt beherrschen, wie es die industrielle Massenproduktion im Kapitalismus oft tut. Die Nutzung der Technologie und die ihr zugrunde liegende Kultur machen den Unterschied. „Weniger ist mehr“ ist ein gutes Motto für eine andere, zukunftsfähige Kultur.

Grenzen von Low-Tech sind komplexe Einsatzbereiche wie Medizin-, Chemietechnik, Datenverarbeitung, Feinwerktechnik, etc. Ich nutze (ausgewählte) High-Tech-Produkte täglich und freue mich darüber, dass es so leistungsfähige und ausgefeilte Dinge gibt, wie z.B. einen PC oder „nur“ eine Bohrmaschine, die nur dank ausgeklügelter Fertigungstechnik so leitungsstark und preiswert ist – dann aber Fabrikate, die für Qualität stehen. Hier kann und soll Low-Tech prinzipiell kein High-Tech ersetzen, sondern sinnvoll ergänzen.

In vielen Bereichen macht automatisierte Massenproduktion von langlebigen bzw. potenziell ökologischen Gütern Sinn, z.B. nicht zuletzt von Grundwerkstoffen, wie Stahlrohren.